03.07.2020

Eins mit der Musik werden: 1:1 Concerts zu Gast in Moabit

Das Konzept der Konzerte könnte nicht einfacher sein: Ein Zuhörer trifft auf einen Musiker – und in den nächsten 10 Minuten zählt nur der Augenblick, den beide teilen. Die 1:1 Concerts wollen dazu animieren, die Sinne zu schärfen, um bewusster und achtsamer zu hören. Und es gelingt ihnen. „Nach mittlerweile über 1500 gespielten Konzerten spricht sich das Format wie ein Lauffeuer herum!“, freut sich der Kulturvermittler Christian Siegmund, der das Projekt gemeinsam mit der Flötistin Stephanie Winker, der Szenografin Franziska Ritter und der Architektin Sophie von Mansberg initiiert hat.

 

Ursprünglich entwickelten sie das Hörformat für die "Sommerkonzerte Volkenroda" – ein Kammermusikfestival, das regelmäßig auf einem alten Klostergelände in Thüringen stattfindet. Als viele Kulturinstitutionen ihre Angebote angesichts der Coronakrise einstellen oder in den digitalen Raum verlegen mussten, wollte das Team auf das gesteigerte Bedürfnis nach persönlichen Begegnungen und Live-Auftritten reagieren. „Wenige Wochen nach dem Lockdown kam Stephanie Winker auf die Idee, erstmals wieder ein analoges Musikerlebnis anzubieten", erinnert sich Siegmund. Kurzerhand adaptierten sie ihre intime Konzertreihe unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen für verschiedene Städte wie Stuttgart, Dresden und Berlin.

 

Wer spielt und was gespielt wird, bleibt für das Publikum bis zur Veranstaltung eine Überraschung. Die Kommunikation zwischen Performer und Gast findet in kompletter Stille statt – auf lautstarke Begrüßungen und Applaus wird bewusst verzichtet. Stattdessen leitet ein ausgedehnter Blickkontakt das Konzert ein. Inspiriert ist dieser intensive Austausch von Marina Abramovićs Performance "The Artist Is Present", mit der die Künstlerin 2010 unzähligen, fremden Menschen im New Yorker MoMA gegenüber trat. Mit der "Abramović-Methode" kennt sich Siegmund aus, als Vermittler hat er mit ihrem Ansatz aus Achtsamkeitsübungen gearbeitet. „Musik klingt eben ganz »anders«, aus der Stille heraus“, sagt er. „Die performative Stille geht nicht nur vom Publikum aus, es ist eine gegenseitige Begegnung aus der Stille heraus, denn auch von den Musikern und Musikerinnen ist außer der Musik alles in Stille eingehüllt. So begegnen sich alle auf »stiller« Augenhöhe.“

Was die Begegnung ebenfalls auszeichnet, sind die Orte, an denen die Konzerte stattfinden: Gespielt wird mal in der freien Natur, mal in einem Kunstraum, einer leeren Fabriketage oder in einer Privatwohnung. Immer geht die Musik mit der Atmosphäre der Umgebung eine Symbiose ein. „Ob in der lichtdurchfluteten Galerie Morat in Berlin-Mitte, der dunklen Basalt Bar in Wedding, der Art Déco-Kirche Sankt Augustin im Prenzlauer Berg oder jetzt den Berlin Decks in Moabit. Jeder Raum ist – gepaart mit der darin gespielten Musik – auf ganz unverwechselbare Weise eindrucksvoll“, fasst Siegmund zusammen.

 

Das Zusammenspiel von Architektur und Klang war auch für den Abend in den Berlin Decks wichtig. „Die Weite des Raums hat uns beeindruckt. Das schlug sich auch akustisch nieder. Bis ein Ton vollständig verklingt, vergehen mehrere Sekunden. Deswegen haben wir uns dort nach einer ersten Begehung für Posaune und Gesang entschieden." So konnten die Besucher Thomas Leyendecker, einem Posaunisten der Berliner Philharmoniker, und der israelischen Mezzosopranistin Hagar Sharvit lauschen.

 

Veranstaltet werden die Konzerte kostenlos, Spenden an den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung sind aber ausdrücklich erwünscht. Genau wie die Initiatoren verzichten auch die Musiker freiwillig auf ihr Honorar, um den Fortbestand der klassischen Musikszene zu sichern: „Da wir als Initiatoren alle in Lohn und Brot stehen, ist es uns wichtig, mit unserer Arbeit solidarisch diejenigen Musiker und Musikerinnen zu unterstützen, denen durch Corona alle Einkünfte abhandengekommen sind.“ Bislang konnte der Hilfsfonds über 2 Millionen Euro sammeln, zu denen die 1:1 Concerts ihren Beitrag geleistet haben.

Ein Projekt der BEOS