09.11.2020

So nah und doch so fern: Zeitgenössisches Theater vor Industriekulisse

Eine Gruppe von neun jungen Menschen hat sich in Dreierreihen formiert. Ihre Kleidung ist schlicht und monochrom – zwischen den einzelnen Personen zeichnet sich ein Muster aus Orange, Creme und Ocker mit glänzenden Details ab. Die nüchterne Hintergrundkulisse spiegelt diese Farbpalette wider: Eine weite, verdunkelte Industriehalle in Beton und Stahl gewährt der Gruppe den Raum, den sie in ihrer Performance einfordert. Der Abstand zwischen den einzelnen Beteiligten ist großzügig, aber sie sind sich dennoch nah. Jede und jeder bewegt sich im eigenen Rhythmus und scheint doch Teil einer gemeinsamen Choreografie zu sein.

Wie schaffen wir Nähe in Zeiten des Abstands? Was hält uns zusammen, wenn uns äußere Gegebenheiten zur Distanz zwingen? Wie bleiben wir Kontakt, wie nehmen wir weiterhin am Leben anderer teil, wie trösten und lieben wir? Fragen wie diese scheinen im Jahr 2020 aktueller denn je und rein rationale Antworten unzureichend. Auch in Zeiten einer Pandemie bleibt der Mensch nämlich ein durch und durch soziales Wesen. Bedürfnisse, Emotionen und der Bezug zum eigenen Körper müssen ob der aktuellen Situation völlig neu ausgehandelt werden – und was würde sich dafür besser eignen, als eine Performance an einem Ort, der viele kreative und räumliche Freiheiten bietet?

Für das junge Theaterkollektiv Ogalala kreuzberg war die aktuelle Situation Anlass, sich dem Thema Social Distancing körperlich zu nähern. Und so ist ihr Stück Juri&Joana: Eine Liebe in Zeiten von     *, das am 2. Oktober 2020 in den Berlin Decks Premiere feierte, eine Liebesgeschichte im Kontext einer neuen Realität. Motive wie die Sehnsucht nach der Nähe und Gesellschaft anderer werden durch eine raumgreifende Erzählung sicht- und fühlbar gemacht. Für ogalala kreuzberg geht es immer um diese Interaktion mit nicht nur dem Raum, sondern auch dem Publikum. Unter dem Motto “Wir wollen keinen Realismus. Wir wollen Magie” inszeniert das Kollektiv Schauspiel und Performances, arbeitet aber auch in den Bereichen Film und visuelle Kunst. Dabei will Ogalala in einer vernetzten Welt vor allem eines – berühren: “Je digitalisierter unsere Welt ist, umso dringender brauchen wir Orte, an denen die Menschen unmittelbar miteinander umgehen”, erklärt Leiterin Christine Dissmann. Bei der gemeinsamen Arbeit entstehen so Stücke, die den urbanen Alltag charmant, überspitzt, aber immer auch sehr treffend auf den Punkt bringen. In den Berlin Decks war das Kollektiv bereits für den Kurzfilm Daring Out zu Gast, der sich als dritter Teil ihrer Reihe Bridges ebenfalls mit der Frage beschäftigt, wie Gemeinschaft ob physischer Distanz möglich bleibt.

Beste Voraussetzungen für einen bunten und spannungsgeladenen Abend: Für die Premiere und die zwei Folgeaufführungen von Juri&Joana am 3. und 4. Oktober mussten Tickets vorab gebucht werden, was der Begeisterung ganz offensichtlich keinen Abbruch tat. Alle drei Vorführungen fanden vor ausverkauftem Haus statt – auch wenn es diese Beschreibung nicht ganz trifft: Anstelle eines Eintrittsgeldes konnten Interessierte, unter ihnen auch viele Locals aus dem Wedding, gegen eine freiwillige “Hutspende” an der Veranstaltung teilnehmen. Am Ende des Vorstellungsreihe kamen so 1.500 Euro zusammen, die an das offene und selbstverwaltete Camp PIKPA für Geflüchtete auf der Insel Lesbos und die Refugee Law Clinic Berlin gingen. Für Tony Paumer von BEOS ist die Kooperation mit dem Theaterkollektiv eine mehr als glückliche Fügung: “Kunst- und Kulturbranche haben es in diesem Jahr nicht leicht gehabt, keine Frage. Manchmal können aus extremen Bedingungen aber auch ganz neue Ideen entstehen, wie die Konzepte von Ogalala ganz eindeutig beweisen. Die Berlin Decks waren von Anfang an als ein Ort des kulturellen Austauschs gedacht und wir freuen uns gerade jetzt, Kulturschaffenden, Publikum und Nachbarschaft in diesem Raum zusammenbringen zu können.”

Ein Projekt der BEOS